Boris Bergmann als Interpret von Klavierwerken Alexander Scriabins

Der russische Komponist Alexander Scriabin (1872–1915) ist für Boris Bergmann seit seiner Kindheit ein wichtiger musikalischer Bezugspunkt gewesen. Bergmann, Jahrgang 1970, ist Kompo­nist, klassisch ausgebildeter Pianist, aber auch Rock- und Punkschlagzeuger. Als Pianist hat er sich immer wieder mit den Klavierwerken Scriabins beschäftigt und auch als Komponist wichtige Impulse aus der Tonsprache und der Ästhetik des frühmodernen Avantgardisten erhalten. Insofern ist die vorliegende Einspielung, die mit den frühen, 1888 – 1896 entstandenen 24 Préludes op. 11 und den 5 Préludes op. 74 von 1914 zwei wichtige Prélude-Zyklen Scriabins aus der frühen und der späten Schaffensperiode miteinander kombiniert und mit der achten und letzten der Etüden aus dem 1903 entstandenen op. 42 ergänzt, Frucht einer vieljährigen und vielschichtigen Beschäftigung Bergmanns mit dem Oeuvre des Russen. Wie Bergmanns eigene Kompositionsprozesse ist sein interpretatorisches Herangehen an die Werke Scriabins geprägt durch eine feine und dabei teilweise unbewusste Balance von Spontaneität und Kontrolliertheit.

Boris Bergmann: Bei der Interpretation von Scriabins Werken habe ich großen Wert darauf gelegt, dass ich immer ganz impulsiv interpretiere. D. h., auch wenn ich die Stücke nur für mich geübt habe, habe ich versucht, ganz verschiedene Fassungen von dem gleichen Stück zu spielen.

Ähnlich wie bei Bergmanns eigenem Komponieren, bei dem streckenweise von großer Spontaneität geprägte, intuitive Prozesse zu einem für unbefangene Rezipienten sorgfältig geplant wirkenden Ergebnis führen, geht auch hier eine Phase des variierenden Ausprobierens der Fixation eines gültigen Interpretationsergebnisses voraus, dem nicht mehr direkt anzuhören ist, welche Bandbreite an Ausdeutungsmöglichkeiten ursprünglich zugrunde gelegen hat. Es entsteht dadurch der gewissermaßen paradoxe Eindruck von kontrollierter Expression. Das hat sicher auch mit dem besonderen Klangideal zu tun, dem sämtliche Aufnahmen des Albums folgen. Bergmann, der als Interpret hier sein eigener Toningenieur ist, hat alle Stücke auf seinem eigenen historischen Schwechten-Flügel von 1910 eingespielt.

BB: Schon vor dem Kauf hatte ich Scriabin auf diesem Instrument ausprobiert und festgestellt, dass die Musik plötzlich eine ganz andere Patina bekommt.

Das besondere Instrument mit seinen durchsichtigen Registerfarben und die direkte, hallarme Mikrofonierung ermöglichen Bergmann einen schlanken, sehr transparenten Gesamtklang; Bergmanns Scriabin wirkt im Vergleich zu vielen älteren Einspielungen, gerade durch das „historische“ Klangbild, entschlackt und durchhörbar und in keiner Weise spätromantisch vernebelt.

BB: Man hört auf dieser Aufnahme jeden Ton, jeden einzelnen Ton, was man sonst bei Scriabin- Interpretationen oft nicht so hört.

Martin Ullrich: Das führt bei mir persönlich dann nicht zu einem Eindruck von gewissermaßen ungebremster Expressivität, sondern zu einem Gefühl kontrollierter Expression.

BB: Für mich war, was die teilweise unglaublich leidenschaftlichen Interpretationen seiner eigenen Werke durch Scriabin selbst angeht, von vorneherein klar: Ich werde nicht versuchen, Scriabin als Interpret zu imitieren. Stattdessen wollte ich eine eigene Sichtweise finden. Dazu gehörte aber eben auch, gewissermaßen einzuüben, dass ich auch mal piano spiele, wenn im Notentext forte steht, oder decrescendo, wenn crescendo dasteht.

Bei Bergmanns Scriabin-Interpretationen handelt es sich also, trotz des „historischen“ Instruments, nicht um den Versuch, historisierende Authentizität zu erreichen, sondern um den Wiedergewinn quasiimprovisatorischer Aneignung.

BB: Der Charakter hat für mich immer absoluten Vorrang vor Texttreue. Nicht zuletzt die eigene Interpretation Scriabins, der ja nun wirklich vieles anders macht, als er es in den Noten geschrieben hat, war für mich gewissermaßen eine Rechtfertigung meiner Vorgehensweise. Ich würde sagen, Scriabin hat eben nur eine mögliche Version des Stückes notiert – die anderen 99 Möglichkeiten, dieses Stück zu spielen, hat er eben nicht aufgeschrieben.

Unverkennbar, dass die eigene Kompositionserfahrung Bergmanns hier Freiheitsgrade der Interpretation ermöglicht, die einem einseitig pianistischen Zugang verschlossen bleiben würden. Der Bezug zu der etwa zeitgleich zum Scriabin-Album entstandenen Einspielung von Bergmanns eigenen Klavierwerken ist zweifellos vorhanden und führt zu einer außergewöhnlichen Wechselbeziehung zwischen den Rollen als Interpret und als Komponist. Zu diesem nachschöpferischen Zugang zu Scriabins Werken passt es, dass Bergmann die frühen Préludes op. 11 interpretatorisch dem späten op. 74 annähert und den noch im 19. Jahrhundert entstandenen Zyklus damit aus dem Ruch des übermäßig auf Chopin bezogenen Epigonentums befreit. In seiner Aneignung des Scriabinschen Oeuvres ist Bergmann tatsächlich vom späten Scriabin zu den frühen Werken vorgedrungen und versteht die frühen Préludes aus der Vertrautheit mit dem Spätwerk des russischen Avantgardisten.

BB: Dieser frühe Zyklus op. 11 und der späte op. 74 – das sind für mich von Scriabins Préludes meine Lieblingszyklen und auch Meilensteine.

Bergmann entdeckt in jedem der teilweise fast aphoristisch kurzen Stücke eine eigene Welt und vermag es trotzdem, die zyklische Dichte zu vermitteln, die die gegensätzlichen Miniaturen miteinander verbindet. Die vorliegende Aufnahme dieser Meilenstein-Kompositionen bietet die Chance, Scriabin über einen neuen Zugang zu entdecken: historisches Klangbild und improvisatorische Freiheit, kompositionelles Verständnis und interpretatorische Sensibilität verbinden sich in Bergmanns Neueinspielung zu einer singulären Nachschöpfung.

 

Interview und Text: Martin Ullrich